KOMMENTAR DER WOCHEAlles Pappe oder was?(Esskultur am Bratwurststand)Im Juni 1999 beschloss die Rot-Grüne Mehrheit im Gütersloher Stadtrat, bei Großveranstaltungen das uneingeschränkte Mehrweggebot einzuführen. Bratwurst von der Pappe war seitdem nicht mehr erwünscht. Auf Porzellantellern, auch Mehrweggeschirr genannt, musste nun des Güterslohers liebste Zwischenmahlzeit serviert werden. Das nicht noch eine Leinentuchserviette vorgeschrieben wurde, grenzt fast an Stilbruch der damaligen Vorschriftenmacher. Die Veranstalter "durften" sich umstellen - Teller und Besteck mussten zusätzlich gekauft werden, das umweltfreundliche Spülmobil der ASH hatte plötzlich Hochkonjunktur und die Besucher von Schützen- und anderen Volksfesten, Citytreffs und Weihnachtsmärkten durften jetzt auch endlich am Bratwurststand der Esskultur frönen und mit Messer und Gabel speisen. Man kann sich über Sinn und Unsinn streiten, den Verbrauch von Wasser und Strom, das verfahrene Benzin für die Anfahrt sowie die damit verbundene zusätzliche Umweltbelastung der guten alten Bratwurstpappe gegenüber stellen - sie schmeckt von Pappe einfach besser! Ob Stritz, ob Senf, ob Curry oder Ohne - die Pappe gehört zur Bratwurst wie das Amen in der Kirche. Die manchmal übertriebene Umweltfreundlichkeit der Grünen war hier vollkommen Fehl am Platz, zumal auch die kompostierbaren Pappteller und Pommesschalen im Gesamtmüll landen und nicht in der grünen Tonne entsorgt wurden. Der Aufstand der "Bratwurstpappenfreunde" schwelte schon seit längerem. Auf Schützenfesten und Fußballplätzen immer wieder unterdrückt und doch letztendlich geduldet, ist es im Mai diesen Jahres dem Ausländerbeirat gelungen, die Blockade der Bratwurststand-Esskultur zu durchbrechen. Was hat "Gütersloh International", die Veranstaltung auf der angeblich nur "nicht-kommerzielle" Anbieter ihre gastronomischen Spezialitäten feilbieten mit unserer heimischen und vielgeliebten Bratwurst zu tun? Eigentlich nichts - doch weil der Ausländerbeirat sich vollkommen uneigennützig für seine ausländischen Mitbürger einsetzte und die Kosten für die Spülmobile so extrem gestiegen waren, gaben Politik und Verwaltung nach und erteilten eine Ausnahmegenehmigung. Das Eis war gebrochen und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann der nächste Antrag eingereicht wurde. Weinmarkt, Pfingst- und Michaeliskirmes, Spielfest im Stadtpark, Schinkenmarkt... Jetzt ist er da - die Vorboten der neu zu gründenden Gütersloher Marketinggesellschaft bestehend aus Werbegemeinschaft, Einzelhandelsverband, Wirteverein, Verein Michaeliswoche und Verkehrsverein (na, na, Frau Zimmermann, was die Stadt wohl dazu sagt) klopfen an die Tür und möchten ihre alte Pappe wieder haben. Nicht aus Nostalgiegründen und geschmacklichen Überlegungen, nein - zu teuer ist ihnen der ganze Öko-Spuk geworden. Angeblich 20.000 € sollen durch die Umstellung allein beim Weihnachtsmarkt eingespart werden. Die beiden großen Gütersloher Bratwurstgurus, Hallmann und Stüker, wollen sogar Ihre Preise senken und die Einsparungen an die Besucher weitergeben. Glaubt man der Werbegemeinschaft und den mit Tränen in den Augen vorgetragenen Zahlen, dürfen sich die Gütersloher auf Bratwurst und Pommespreise wie zu Omas Zeiten freuen. Keine Angst, Gourmetfreunde. Die Freunde des Einweggeschirrs kommen nicht zu kurz - höherwertige Speisen sollen nach wie vor auf Porzellan serviert werden. Höherwertige Speisen auf dem Schinkenmarkt - was damit wohl gemeint sein mag? Back to the Roots, es lebe die gute alte Bratwurstpappe - Guten Appetit. Roland von Zahl 07. Oktober 2002 |