Kommentar der Woche
Demokratie in der Provinz
(Des Bürgers Stimme ist nur für die Wahlen wichtig)
Demokratie ist eine Staatsform, in der die Staatsgewalt
vom Volk getragen wird und direkt oder indirekt von ihm auch ausgeübt
wird.
Bevor ich mich jedoch in ellenlange Ausschweifungen
und Abhandlungen über den Begriff der Demokratie einlasse, ist eins
festzustellen: Bei uns in Gütersloh wird die Demokratie durch die
von den Bürgerinnen und Bürgern gewählten 50 Vertreter
ausgeübt. Sie sollen des Bürgers Stimme sein und seine Interessen
und Anliegen wahren und vertreten.
Sollten sie jedenfalls. Ob die Damen und Herren des
Rates auch immer so handeln bzw. verfahren (dürfen !!) mag bezweifelt
werden, denn schließlich wurden sie ja von ihrer Partei oder ihrem
Verein für die Wahlen nominiert und aufgestellt. Ohne die Partei
läuft nichts und so muss der gewählte Bürgervertreter
bei seinen Entscheidungen Vorsicht walten lassen, um die Partei nicht
zu vergrämen oder einen Interessenskonflikt auszuüben. Besonders
bei den bundesweit agierenden Parteien dürfte das Konfliktpotential
nicht gerade unerheblich sein. Landes- und Bundespolitik zeigen besonders
vor den Wahlen ihren Einfluss und auch die Kolleginnen und Kollegen der
Kreistagsfraktionen dürfen nicht verprellt werden. Irgendwie hängen
sie alle am selben Tropf. Zwar gibt das kein Mandatsträger zu, den
schließlich wollen sie ja Bürger- und nicht Parteiinteressenvertreter
sein. Wollen vielleicht, aber sie sind bzw. dürfen es nicht.
Wenn sie wirklich auf des Bürgers Stimme hören
würden, wäre so manche Entscheidung anderes ausgefallen. Das
beste Beispiel unser geplantes Theaterprojekt: Haushaltssperre, Kürzungen
und Streichungen in allen Bereichen, bevorstehende und nicht zu vermeidende
Steuererhöhungen - aber ein Theater für über 30 Millionen €.
Die Kassen der Kommune sind leer, einheimische Wirtschaftsunternehmen
fahren Verluste ein (sonst würden sie ja Gewerbesteuern zahlen)
und der Bürger muss die Zeche zahlen! Aber es war ja schon immer
so - Paläste und monumentale Bauten wurden errichtet und das Volk
musste hungern und bluten. Beispiele dafür gibt es weltweit über
die Jahrtausende bis hin zur heutigen Zeit.
Haben die Bürgervertreter unserer Stadt denn nicht
das Ohr am Stammtisch oder erzählt ihnen der Nachbar im eigenen
Wahlkreis nicht, was die Bürgerinnen und Bürger denken? In
den beiden sogenannten Volksparteien CDU und SPD steht die Basis schön
längst nicht mehr geschlossen hinter den Beschlüssen ihrer
gewählten Vertreter und auch die Fraktionsmitglieder der beiden
Parteien sind sich betreffs des Theaterneubaus schon längst nicht
mehr einig. Aber man darf ja keine Fehler eingestehen, darf sich anscheinend
nicht von der Linie weg begeben, um den anderen somit zu signalisieren,
dass sie mit ihrer Skepsis und der kritischen Einstellung zur kommunalen
Finanzierung auf Kosten des Bürgers Recht hatten.
Einzig und allein die Fraktion der BfGT hat
diesen Kurs von Anfang an nicht verlassen und wollte sogar bereits zu
Beginn der Diskussionen eine Bürgerbefragung durchführen lassen.
Das demokratische Verständnis aller anderen Fraktionen im Rat konnte
dies allerdings nicht zulassen. Schon im November 2000 sprachen die Bürger
für Gütersloh von einem Bürgerbegehren und einem Bürgerentscheid.
Damals noch vergebens.
Die kleinen Fraktionen sind jedoch lernwillig - zumindestens änderten
UWG und die GRÜNEN seit bekanntwerden der 2. Haushaltskrise ihre
Meinung und stehen nun dem Theaterprojekt ablehnend bis kritisch gegenüber.
Die FPD schwankt noch und möchte in einem Sonderparteitag über
das weitere Vorgehen entscheiden. Ob sich bis dahin wohl die Finanzlage
der Stadt geändert hat? Ich glaube nicht! Die BfGT steht
jedenfalls im Rat nicht mehr allein auf weiter Flur. Bei den Bürgerinnen
und Bürgern unserer Stadt schon lange nicht mehr. Die Anträge
zum Theater wurden zumeist positiv aufgenommen, doch was kann so eine
kleine Fraktion gegen die Übermacht der Grossen schon ausrichten?
Sie kann! Und zwar zusammen mit all denjenigen, die sich aufgrund der
katastrophalen Finanzlage zur Zeit gegen einen Theaterneubau aussprechen. Jetzt
kann der Bürger nicht nur reden und sich bei Stammtischfreunden
beschweren, sondern er kann mitbestimmen, mitentscheiden und sein kulturelles
Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das ist bürgernahes Handeln,
das ist demokratisches Verständnis mit dem Ohr an der Basis. Kompliment
an die Bürger von Gütersloh, die jetzt durch das Bürgerbegehren
eine Vorentscheidung herbeiführen können. Sollte das Votum
gegen den Theaterneubau ausfallen und sich weit mehr als die benötigten
4.500 Stimmen finden, so kann man nur darauf hoffen, das die demokratisch
gewählten Bürgervertreter der CDU und SPD die Trompeten von
Gütersloh gehört haben und nicht weiter krampfhaft an ihrem
Vorhaben festhalten.
Ein Kompromiss würde allen Beteiligten helfen und
wenn wieder mehr Geld in die kommunale Kasse fließt, könnte
ein Theaterneubau sogar mit der breiten Unterstützung der Gütersloher
Bürgerinnen und Bürger realisiert werden. Gemeinsam sind wir
stark und nur gemeinsam können wir für unsere Stadt das Beste
erreichen.
Roland von Zahl
11. Mai 2002
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