Kommentar der Woche
Denkmal bauen leicht gemacht
(Wie Politiker mit dem Geld Anderer sich selbst ein Denkmal setzen
wollen)
Am Donnerstag tagte der Finanzausschuss der Stadt Gütersloh
- nicht hinter verschlossen Türen, sondern öffentlich. Öffentlich?
Auf der Tribüne saßen knapp ein handvoll Zuhörer. Wo
waren all diejenigen, die sich ansonsten öffentlich in Leserbriefen,
Stammtischgesprächen und sonstigen Runden beschweren und sich darüber
auslassen, wie schlimm das alles ist und das gerade bei ihnen selbst
die Sparmassnahmen greifen werden. Die Öffentlichkeit hätte
sich live vor Ort informieren können, denn die Medien können
schließlich nicht alles berichten, was im Ausschuss beraten und
entschieden wird.
2 ¼ Stunden lang wurde über die prekäre Finanzsituation
diskutiert, debattiert und jede Fraktion versuchte ihren Standpunkt darzulegen.
Ergebnis: eine 25%ige Haushaltsperre im Verwaltungshaushalt und eine
10%ige Sperre bei freiwilligen Zuschüssen wurde auf Vorschlag des
Kämmerers verabschiedet. Zudem wurde bis zum Jahresende ein Besetzungstellenstopp
ausgesprochen. Die Verwaltung wollte Auftragsvergaben für Krankenhaus
und Theater bis zur Verabschiedung des Nachtragshaushaltes zurückstellen.
CDU und die ansonsten sehr verwaltungsfreundliche SPD (Die Bürgermeisterin
als auch der Kämmerer sind Mitglied der Sozialdemokraten) votierten
dagegen und gaben für die Planungsaufträge trotz desaströser
Haushaltssituation und soeben verhängter Haushaltssperre grünes
Licht. Es schien wie ein gut vorbereitetes und abgesprochenes Theaterstück
zu sein, letztendlich ging es ja auch um ein Theaterprojekt. "Wir
wollten, aber wir durften nicht - die Politik war schuld" wird es
demnächst aus dem Rathaus verlauten. Die Vertreter der BfGT,
GRÜNEN + UWG stimmten auf jeden Fall für die Zurückstellung.
Heftig gestritten wurde auch über die Begriffe "Verwaltungs-
und Vermögenshaushalt". Während die Politiker von CDU
und SPD den Vermögenshalt für "gesund" hielten, waren
sich die Abgeordneten der vier kleinen Fraktionen durchaus einig, dass
die durch neue Investitionen entstehenden Folge- und Betreiberkosten
aus dem Verhaltungshaushalt zu zahlen sind und somit neue Kredite zur
Bedienung aufgenommen werden müssen. Von der ursprünglichen
und auch von den grossen Parteien erklärten Absicht, den Erlös
aus dem Stadtwerkeverkauf zur Schuldentilgung zu verwenden, war keine
Rede mehr. Aus Vermögenserlösen sollte man schliesslich auch
neues Vermögen schaffen, war die erstaunlich einhellige Meinung
von CDU und SPD.
Machen wir doch eine ganz einfache Rechnung auf: Ihnen stehen 100 € zur
Verfügung. Davon benötigen Sie 65 € zum täglichen
Leben, 10 € möchten Sie gerne sparen, verbleiben 25 € für
andere Dinge, die sie sich gerne leisten möchten. Aufgrund besonderer
Umstände würden Ihnen jedoch nur noch 80 € zur Verfügung
stehen. Die 65 € benötigen Sie immer noch zum täglichen
Leben und die 10 € wollen Sie auch weiterhin auf die hohe Kante
legen, denn wer weiß schon, was ihn in der Zukunft erwartet. Was
bleibt Ihnen jetzt noch zur freien Verfügung? Ganze 5 €, nicht
1 Cent mehr! Also müssen Sie sich erheblich einschränken -
kein Kino, keine Disco, kein teures Essen in Restaurants, kein Fussball,
kein Theater mehr. Und da sind wir schon wieder beim Thema. Kein Theater!
Da wollen uns die Politiker von CDU und SPD mit einer
Milchmädchenrechnung und Hin- und Herschiebereien von Haushaltsmitteln
weismachen, es sei alles in Ordnung und wir können uns ohne Probleme
einen neuen Krankenhausanbau oder ein neues Theater leisten. Ohne Probleme?
10% Sperrungen bei Vereinen und Institutionen (Heimat- und Kunstverein,
Schullandheim und Musikschule, Familienbildungsstätte, Frauenhaus,
Stadtpass, Fahrradparkhaus, Werbegemeinschaft, Verein Michaeliswoche
und der Verkehrsverein, Weberei, DRK Übernachtungsheim usw. usw.
- insgesamt sind es 59 Betroffene) Aussetzung von dringenden Sanierungsarbeiten
im Strassenbereich, zusätzlich über 6% Kürzungen in allen
Fachbereichen. Soziales, Jugend (auch Kindergärten) Sport, Bildung
und Kultur trifft es insgesamt mit ca. 2.8 Millionen €. Keine Probleme?
Das ist doch erst der Anfang, denn der Kämmerer
kann weitere Rückzahlungsforderungen nicht ausschließen -
Insolvenzen schon gar nicht. Die ebenfalls bedrohliche Finanzlage des
Kreises! Sind diese Fakten den Damen und Herren von CDU und SPD etwa
unbekannt? Das kann wirklich nicht sein.
Die Vorsitzende der SPD-Fraktion sprach davon, ein Theater zusammen mit
den Bürgerinnen und Bürgern zu bauen? Wie weit ist diese
Fraktion denn von der Realität entfernt? Die Politiker sitzen
als Vertreter der Bürgerschaft im Rat und in den Ausschüssen
- als Vertreter der Bürgerschaft ist es ihre Pflicht, nicht nur
die Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler zu vertreten,
sondern auch für diejenigen da zu sein, die aufgrund von Politikfrust
und anderen Gründen nicht zur Wahl gegangen sind. Die im Rat und
in den Ausschüssen vertretenen Mandatsträger haben sich verpflichtet,
zum Wohle der Stadt zu handeln und die Stadt besteht immerhin aus über
95.000 Bürgerinnen und Bürgern.
Wenn die im Rat vertretenen Fraktionen von CDU, SPD,
UWG, GRÜNEN und FDP im November 2000 dem Antrag der BfGT zugestimmt
hätten, eine Bürgerbefragung durchzuführen, hätte
man ein Ergebnis (wie auch immer es ausgefallen wäre), mit dem man
hätte arbeiten können. Damals gab es weder eine Finanzkrise,
noch eine Haushaltssperre und niemand musste seinen Gürtel enger
schallen. Heute hat sich die finanzielle Lage unserer Stadt innerhalb
von nur 3 Monaten zum zweiten Mal drastisch verschlechtert. Die Auswirkungen
wird jeder Einzelne in Gütersloh zu spüren bekommen. Inzwischen
haben das auch die UWG und die GRÜNEN erkannt und rücken vom
Theaterprojekt ab. Die FDP hält sich noch bedeckt, die BfGT hat
von Anfang vor einer Finanzierung durch kommunale Mittel gewarnt und
sich für eine privatwirtschaftliche Lösung eingesetzt. Bisher
vergebens.
Nur ein Bürgerentscheid kann die Politiker der grossen Fraktionen
anscheinend noch auf den rechten Weg bringen, um noch Schlimmeres im
Haushalt der Stadt zu verhindern.
Apropos Denkmäler:
Die BfGT will sich
ein Denkmal setzen, indem sie das alte Theater unter Denkmalschutz stellen
lassen will, um den Bau eines Neuen zu verhindern (Nebenbei kann durch
diese Idee auch noch viel Geld gespart werden). Die Vertreter von SPD
und CDU wollen sich mit dem neuen Theaterprojekt auch ein Denkmal setzen,
anscheinend jedoch sich selbst. Wahrscheinlich noch mit goldener Namenstafel
in der Eingangshalle. Hier stellt sich die Frage, warum sie das Projekt
dann nicht auch selbst finanzieren anstatt die Bürgerinnen und Bürger
unserer Stadt zur Kasse zu bitten (besser gesagt, zu vepflichten!). Die
Unterstützung ihrer Mutterparteien dürfte ihnen bestimmt gewiss
sein, denn Gelder für Kulturprojekte können bestimmt durch
Spenden aufgebracht werden und für die Kultur gibt doch jeder gerne,
oder....? Als Dankeschön dürfen sich CDU und SPD dann einen
Namen für das neue Haus aussuchen: z.B. Theater der Demokratie -
doch von Demokratie und der so oft und immer wieder betonten Bürgermitbestimmung
ist das Verhalten der beiden sogenannten Volksparteien zur Zeit leider
noch weit, weit entfernt.
Roland von Zahl
04. Mai 2002
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