KOMMENTAR DER WOCHE

Die soziale Schizophrenie
(Wie sollen wir das tun, was wir gar nicht tun können)

 „Können Sie die von mir wahrgenommene „lokale Erziehungskrise“ nachvollziehen und bestätigen?“ lautete eine von drei Fragen, die der Sozialdezernent der Stadt Gütersloh, Ansgar Wimmer, an 134 Institutionen stellte. Gefragt waren Schulen, Kindertagesstätten, Vereine, Jugendeinrichtungen und Beratungsstellen. 77 davon haben geantwortet, 64 davon bestätigten mit ihren Aussagen und Stellungnahmen die „lokale Erziehungskrise“. Pädagogen und Psychologen stürzten sich in die Arbeit, die in einer über 500seitigen Zusammenfassung dokumentiert wurde. Gebündelt wurden Eindrücke und Wahrnehmungen.

Nicht gebündelt und nicht befragt wurden allerdings die direkt Betroffenen, die möglichen Auslöser der angeblichen Erziehungskrise. Gibt es sie also wirklich – die „lokale Erziehungskrise“ in Gütersloh? Ein Thema, über das sich in den nächsten Monaten Gelehrte und Politiker streiten werden. Aber debattieren dann auch wirklich die Richtigen, die dann letztendlich die verantwortlichen Eltern „mit heftigen Bemühungen“ in die Erziehungsschulen holen wollen? Kommen werden diejenigen, die sich ohnehin schon in den Elternräten und Pflegschaften engagiert haben und auf deren Aussagen sich auch Teile des Berichtes stützen. Nicht erscheinen werden allerdings diejenigen, die nicht können oder wollen – aus welchen Gründen auch immer. Wichtige Erziehungsfragen sollen gemeinsam, möglichst unter professioneller Anleitung an Elternschulen in Kindertagesstätten gelehrt oder auch diskutiert werden. Aber haben denn gerade die Eltern oder Alleinerziehenden, die angesprochen werden sollen, überhaupt noch die Zeit und die Kraft, nach ihrer Arbeit diese Schulen zu besuchen? Haben Sie auch die finanziellen Mittel zur Verfügung, einen Babysitter bezahlen zu können, denn nicht jedes Kind hat schließlich eine Oma oder einen Opa.

Grundsätzlich sind die Überlegungen, der Anstoß zur Debatte löblich. Es kann nicht früh genug damit angefangen werden, unseren Kindern einen gesicherten Weg in die Zukunft zu ebnen. Aber letztendlich hören beim Geld nicht nur Freundschaften sondern erst Recht die guten Vorsätze auf. Gerade in Gütersloh mussten wir in den letzten Tagen den Begriff der "sozialen Schizophrenie" erleben. Auf der einen Seite wird von Sozialarbeitern, Psychologen, Erzieherinnen und Betreuern immer mehr verlangt, auf der anderen Seite die dafür dringend benötigten Mittel immer drastischer eingeschränkt. Der Nachtragshaushalt und ein Teil der damit verbundenen Kürzungen in Höhe von ca. 3,2 Millionen € waren erst der bescheidene Anfang. Ca. 10 Millionen € (incl. ca. 3-4 Millionen Kreisumlage) müssen voraussichtlich bereits im Haushalt 2003 eingespart werden. Der Antrag der Pestalozzi- und Fröbelschule auf Einstellung jeweils eines Mitarbeiters für Schulsozialarbeit wurde bereits abgelehnt und dürfte als eindeutiges Signal für die vor uns liegenden Probleme zu werten sein.

Ist es nicht auf der einen Seite ein absurdes Verhalten, eine Zwiespältigkeit, ein Theater bauen zu wollen und auf der anderen Seite  Projekte vorzustellen, die wir gar nicht finanzieren können?

Nein, ist es nicht – denn es ist durchaus möglich, die Prävention sozialer Probleme zu finanzieren, wenn man nur will. Die Politik muss sich entscheiden, was für sie und vor allem die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen wichtiger ist.

Roland von Zahl

29. Juni 2002