KOMMENTAR DER WOCHE

Ein müder Riese wollte schnell nach Hause
(Es ist so wie es ist und doch nicht sein sollte)

Es war einmal ein kleines Königreich, in dem sich eine Königin zusammen mit ihren Ministern, 2 Riesen und 4 Zwergen um das Wohl ihrer Untertanen kümmern wollten. Dem Volk ging es gut, denn in dem kleinen Königreich lebten tatkräftige Händler, die zusammen mit dem Volk treu und brav ihre Steuern entrichteten. Als die Steuern nicht mehr so üppig in die Kassen flossen, ging die Königin zusammen mit ihren Ministern auf den Marktplatz, um des Volkes Stimme zu hören. Das Volk wurde nach seiner Meinung gefragt und dachte: „Prima – wir dürfen mitbestimmen, was mit unserem Geld geschieht und wie es verteilt wird“.

Danach setzte sie sich mit den Riesen und den Zwergen zusammen, um zu beratschlagen, wie es weiter gehen soll. Der ganze Hofstaat war versammelt, um Fragen zu beantworten und Lösungen zu präsentieren. Doch weder die Königin, noch ihre Minister geschweige denn die großen Riesen und zwei der vier Zwerge dachten daran, die Meinung ihrer Untertanen nachzulesen, geschweige denn, auf sie zu hören.

Nachdem die beiden Riesen und die 4 Zwerge über andere Probleme in ihrem Königreich gesprochen hatten, sollte über die Finanzen nachgedacht werden. Doch einer der beiden Riesen war müde und wollte nach Hause und er schaute den anderen Riesen an, zwinkerte ihm nett zu und meinte, „es ist so wie es ist und so sollten wir es jetzt auch beschließen“. Der zweite Riese freute sich, dass auch er schnell nach Hause gehen konnte und stimmte zu. Während sich zwei der Zwerge verständnislos anschauten, packte der dritte und vierte schon ihre Sachen und waren ebenfalls hocherfreut, ihre Zwergenfrau früher als geplant, in die Arme schließen zu können.

Ein Zwerg jedoch hatte sich viel Mühe gemacht, um die Vorschläge des Volkes die ihm zu Ohren gekommen waren, zu Papier zu bringen. Er hatte die ganze Nacht gerechnet und gerechnet, verglichen und immer wieder nachgeschaut, wie er die Last gerechter verteilen könnte. Dabei war ihm aufgefallen, dass der Hofmarschall ungekürzt davon gekommen war und zog auch ihm ein paar Dukaten ab. In froher Hoffnung, dem Volke helfen zu können, wollte er sein Ergebnis vortragen, doch selbst der kleinste Versuch wurde durch das laute Gähnen des müden Riesen im Keim erstickt. Immer wieder wollte der Zwerg die Möglichkeiten aufzählen, doch vergebens. Es nützte alles nichts, Riesen sind nun mal stärker als ein kleiner armer Wicht.

Am nächsten Tag wurde das Volk von den Herolden informiert, das es so ist, wie es nun ist und es auch so beschlossen wurde.Das einer der Riesen müde war und schnell nach Hause wollte und der andere sich zudem darüber freute, wurde leider nicht erzählt. Nicht erzählt wurde auch, dass der arme kleine Wicht sehr, sehr traurig war und sich fragte, was das denn wohl alles zu bedeuten hat. „Ach“ meinte da einer der anderen Zwerge, „die großen Riesen sind sich innerlich nicht so einig, doch können sie das nach außen hin nicht zugeben, so dass sie sich lieber gemeinsam taub stellen und so tun, als ob sie des Volkes Stimme nie gehört hätten“.

Das Volk wunderte sich, warum ihre Vorschläge und ihre Meinung nicht wiedergegeben wurde und das nun alles so ist wie es beschlossen wurde, aber doch nicht sein sollte.Da kam der arme kleine Wicht vorbei und erzählte den Menschen, wie es wirklich war. Doch sie hatten sich schon längst mit dem, was nun ist abgefunden und trösteten den Zwerg. Die Hoffnung auf einen Zwergenaufstand wollten sie jedoch nicht aufgeben und so warten sie nun gespannt auf die Tage, die da kommen werden.

Und wenn die beiden Riesen nicht gestorben sind, wird es wohl immer so weitergehen, es sei denn, das Volk hilft den Zwergen sich zu vermehren, damit sie des Volkes Stimme zumindestens nicht ganz untergehen lassen und ihre Botschaft immer und immer wieder zur richtigen Zeit an den richtigen Riesen bringen.

Roland von Zahl

15. Juni 2002