KOMMENTAR DER WOCHE

Theaterträume

(Wünsche sollten auch bezahlbar sein)

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4, dann steht das Christkind vor der Tür. Jeder kennt das vorweihnachtliche Gedicht und die Zeit der Wünsche und Träume ist gekommen. Groß und Klein schreiben jetzt ihre Wunschzettel und warten gespannt darauf, was das Christkind und der Weihnachtsmann unter den geschmückten Tannenbaum legen werden. Alle Jahre wieder ist die Vorfreude groß, am Heiligen Abend vor dem Gabentisch stehen zu dürfen, um die Geschenke auszupacken. 

Auch in Gütersloh war die Vorfreude groß - nein - nicht auf auf Heiligabend, sondern auf den "historischen 26. November 2002". "Ein Tag von außerordentlicher Bedeutung" war angekündigt worden - die Präsentation eines Traumes, ein langgehegter Wunsch soll endlich Wirklichkeit werden: In der Planung noch als THEATERHAUS angekündigt, wurde in der angeblich "schon lange ausgedienten Paul-Thöne-Halle" (so die Bürgermeisterin im Vorwort) der Vorhang für das THEATER GÜTERSLOH geöffnet. Theaterförderverein und  Verwaltung (durch Schreiben des Kulturamtes) hatten die Neubau-Freunde zum Festakt geladen - der Saal war halb gefüllt. Wo waren jedoch die Gegner - keine Protestaktionen vor und im Theater, keine Banner und Plakate. Im Gegensatz zu den von Protesten der Bürgerschaft begleiteten Diskussionen um den Gebietsentwicklungsplan war es ruhig geblieben. Konnten die Kritiker ihre Leute nicht mobilisieren oder haben sie etwas schon aufgegeben? Vom Bürgerbegehren gegen den Theaterneubau hört man ja auch nichts mehr. Auch hier ist Spannung angesagt, ob und wie es weiter geht. 

Zurück zum eigentlichen Geschehen: Perfekt inszeniert im Licht der Scheinwerfer saßen Mitglieder der Verwaltung und des Kulturausschusses auf der viel zu kleinen Bühne (so die Neubaubefürworter) und lauschten den blumigen Worten des sehr selbst bewusst auftretenden Hamburger Architekten. Auch ich saß im Auditorium und durfte das Bühnenschauspiel miterleben. Die Gütersloher Medien berichteten sachlich nüchtern bis euphorisch begeisternd, so dass ich hier nicht näher auf den 3Akter eingehen möchte. Die Fraktionen vertraten ihre bisher bekannten Meinungen und waren überwiegend voll des Lobes ob des gelungenen Entwurfes. Sogar die zu den Neubaubauplänen kritisch eingestellte BfGT schloss sich den lobenden Worten der Anderen an. Einzig allein die ansonsten wortgewaltige UWG war sprachlos - weder Lob noch Tadel. Keine Fragen, keine Stellungnahmen - "Schweigen auf der Bühne". Vielleicht lag es auch daran, dass der Fraktionsvorsitzende nicht selbst erschienen war, um sich im Licht der Scheinwerfer bühnenreif in Szene zu setzen. Er macht es doch ansonsten ganz gerne. Im 3. Akt durften die Zuschauer Fragen stellen. Und siehe da - es gab doch einige kritische Töne: die GRÜNEN-Vertreterin hinterfragte z. B. mit der von ihr bekannten Vehemenz die Verkehrssituation und - welch ein Zufall (!) - ein Vorstandsmitglied des Fördervereins fragte nach den Folgekosten. Es klang wie einstudiert und mehrfach geprobt, denn wie aus der Pistole geschossen, antwortete der Kulturdezernent, "das die Folgekosten bei einem Projekt dieser Größenordnung natürlich nicht steigen, sondern aufgrund entsprechender Maßnahmen und möglicher Synergie-Effekte sogar noch niedriger als bisher ausfallen würden". "Freue dich, freue dich, oh Christenheit" hätte man hier eigentlich anstimmen sollen, wenn es eine nicht so brisante und für die weiteren Entscheidungen ausschlaggebende Aussage gewesen wäre. Schon einmal hatte der Dezernent der Bürgerschaft anhand eines Rechenbeispieles erklären wollen, "das den Bürgern der Neubau auf die Dauer von 60 Jahren nur 4 € jährlich kosten sollte". Und jetzt? Schon wieder ein Rechen- oder Kalkulationsfehler? Warten wir es ab. 

Im Mai wurde noch von 23 Millionen € gesprochen, jetzt liegen wir bereits bei knapp 30 Millionen für das Gesamtprojekt, wobei die Neubaufreunde lieber von 29 Millionen sprechen - hört sich ja auch günstiger an. Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4 - und so könnte es weitergehen, denn wenn erst einmal der Beschluss gefasst ist, das neue Theater zu errichten, wird letztendlich kaum jemand sein Veto einlegen, wenn es um die technische Aufrüstung geht, denn in der bisherigen Kostenaufstellung ist eine lange Options- oder auch Wunschliste noch nicht berücksichtigt worden. Auch ein neuer "Theatergarten" auf dem Dach würde dem Haus gut stehen und für Kammerkonzerte könnten z. B. die akustischen Gegebenheiten ohne weiteres nachgerüstet werden. Ich jedenfalls kenne kein durch kommunale Mittel finanziertes Großprojekt, bei dem nach Fertigstellung der vorgegebene Kostenrahmen eingehalten werden konnte bzw. sogar unterschritten wurde. In Gütersloh wird es trotz aller guten Absichten auch nicht anders sein!

In den Ohren klingen mir noch die Worte des BfGTNeubaukritikers Nobby Morkes, die die gesamte Situation nicht hätten besser beschreiben können: "Wünschen kann man sich viel, aber Träume müssen auch bezahlbar sein".

Träumen Sie gut und schicken Sie Ihren Wunschzettel rechtzeitig ab, denn in 22 Tagen ist Bescherung.

Roland von Zahl

02. Dezember 2002

Der Kommentar spiegelt nicht unbedingt die Meinung der BfGTwieder.

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