Kommentar der Woche


An dieser Stelle veröffentlichen wir wöchentlich einen Kommentar zu aktuellen Themen in unserer Stadt. Den Kommentar kann und darf jeder schreiben. Eingereicht werden muss er jedoch jeweils bis Freitags 16.00 Uhr. Das für die Homepage verantwortliche Team sucht den interessantesten Beitrag aus und pflegt ihn ein. Der Verfasser wird über die Einpflegung benachrichtigt.

Parteipolitische Kriterien spielen bei der Einpflegung zwar keine Rolle doch sollte sich der Inhalt mit allgemeinen Themen befassen, die in unserer Stadt erörtert und diskutiert werden.

Männer.......
(Kein Film, sondern traurige Wirklichkeit)

War es in den letzten Wochen noch der Zimmermann, ist es jetzt der Bertelsmann. Doch der Ruf von Bertelsmann hat ganz andere und für die Stadt Gütersloh noch nie gekannte Ausmaße. Die Rückzahlungsforderung der Gewerbesteuervorauszahlungen in Höhe von 15 Million €. Ein Ereignis, das die Stadt, die Medien und die Bürgerinnen und Bürger seit langem wie kein Anderes bewegt hat.

Jeden Tag Kommentare, Berichte, Stellungnahmen. Täglich laufen die Telefone bei den Medien heiss, eine e-Mail jagt die andere, die Ereignisse überschlagen sich. Jeder will jetzt seinen Teil dazu beitragen, dass die Verwirrung noch grösser, die Informationsflut noch unübersichtlicher wird. Die Politiker stehen bei den Medien Schlange, um Ihre Sparvorschläge und in der Eile gestrickten Statements einzureichen. Jeder will es auf einmal - falls nicht gewusst - zumindestens geahnt haben. Die Bürgermeisterin und der Kämmerer wussten es jedoch bereits seit dem 12. April und wollten die Politik nicht informieren, da sie das ganze nur als "Wasserstandsmeldung" betrachteten. Das Führungspaar der Stadtverwaltung wollte die Parteien nicht beunruhigen. Warum erfuhr es dann die SPD zuerst? Na ja, bei den täglichen Meldungen aus Köln und zuletzt aus Sachsen-Anhalt waren die Bertelsmann-Nachrichten dagegen ja nur kleine Fische.

Erst eine Woche später erfuhr es die Öffentlichkeit und die Politik aus den Medien: Bertelsmann will Geld von der Stadt zurück! Am Samstagnachmittag informierte Maria Unger die Fraktionsvorsitzenden, am Montag tagte hinter verschlossenen Türen der Krisenstab bestehend aus dem Verwaltungsvorstand der Stadt, den stellvertretenden Bürgermeistern sowie den sechs Fraktionsvorsitzenden. Hinter verschlossenen Türen? Tags darauf konnte man in den Medien fast ein Protokoll der Sitzung nachlesen.

Fragen über Fragen, die wohl nie beanwortet werden. Gerüchte, Daten, Zahlen, Fakten - ein Wirrwarr ohne Ende!

Wusste der Kämmerer nicht bereits schon viel eher von dem sich abzeichnenden Problem, zumal er die Gewerbesteuervorauszahlungen für die Jahre 2002 und 2003 bereits auf 0 stellte? Hat er die ganze Situation falsch eingeschätzt? Wollte er nur zuerst seinen Haushalt durchbringen und dann auf Gott vertrauen? Eigentlich nicht, denn Dr. Wigginghaus geht ansonsten sorgfältig und gewissenhaft mit den Zahlen um und die Stadt kann sich auf die Erfahrungen und das Fachwissen des 1. Beigeordneten verlassen. Seine Prognosen sind ansonsten zumeist von düsterer Art - vielleicht zur Vorsorge! Das Ergebnis war dann im Endeffekt immer besser als vorausberechnet. Diesmal jedoch ist alles anders, ganze anders! Kannte er etwa die Auswirkungen der Steuerreform nicht? Warum hat die Verwaltung nicht sofort auf die ersten Meldungen aus dem Hause Bertelsmann reagiert. Erst eine Woche später fand das persönliche Treffen zwischen dem Finanzvorstand des Konzerns und der Stadtspitze statt. Dr. Wigginhaus war im Urlaub - ist die Verwaltungspitze ohne ihn handlungsunfähig? Hat niemand ausser ihm Einblick in die Finanzen? Oder darf etwa niemand anderes in seine Bücher schauen? Als im Januar der erste Einbruch von über 6 Millionen die Gemüter aufschreckte und Einsparungen von ca. 1% auf die Fachbereiche verteilt wurden, bezeichnete man dies bereits als katastrophale und dramatische Veränderung der Gütersloher Haushaltslage? Bereits zu diesem Zeitpunkt hätten die Alarmglocken läuten und eine Nachfrage an den Medienkonzern gestellt werden müssen. Lt. eigener Aussagen hatte Herr Wigginghaus aber alles im Griff und die Haushaltsberatungen könnten durchaus beendet werden.
Wollte man die Planungen für das Theater und den Krankenhausneubau nicht gefährden? Weitere Krisenmeldungen zu diesem Zeitpunkt hätten mit aller Wahrscheinlichkeit die Haushaltsberatungen ins Stocken gebracht.

Zu Zeiten des Stadtdirektors Dr. Wixforth (jetzt tätig in der Bertelsmann-Stiftung) und des Konzernvorstandsvorsitzenden Wössner, wären die Informationen wesentlich schneller und auf anderen Wegen ausgetauscht worden. Liz Mohn hätte z. B. den Stadtdirektor angerufen:

Hallo, Gerd - wie war das Wochenende. Alles in Ordnung. 5 Minuten small Talk und dann: Warte, ich stell Dich mal rüber zu Mark, der wollte noch etwas von Dir. Gerd - hier ist Mark - Du wir haben da ein kleines Problem - unsere Geschäfte sind in 2001 nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir haben zwar ein Rekordergebnis eingefahren, doch unsere Steuerexperten - Du weißt schon.....Also, Gerd - sag Deinem Kämmerer der soll unsere Gewerbesteuervorauszahlung zurückzahlen. Wieviel macht das, Mark? Ist nicht so viel, Gerd - 15 Millionen €. 15 Millionen, Mark? Nicht viel? Das bringt unseren ganzen Haushalt durcheinander, gerade jetzt wo wir doch das Theater und ein neues Krankenhaus bauen wollen. Kannst Du nicht doch noch etwas drehen? Kleine Spende an die Stadt über die Stadtstiftung, oder? Gerd, ich muss Dir das ganze erst mal schriftlich und offiziell mitteilen - Du weißt, der Form halber. Na klar, Mark - schick mal rüber, ich ruf gleich mal den Lütkemeier an, der soll das mit seinen Leuten klären. Irgendwie kriegen wir das schon hin und Du Mark, klärst das bitte im Gegenzug mit den Spenden. Ok, prima - wir müssen ja davon kein grosses Aufheben machen. Grüss Liz - ach ja - kommst Du nächste Woche mit in die Toscana, da wird ein neuer Golfplatz eröffnet? Wir treffen uns dann am Gütersloher Flughafen - hätte ich beinahe vergessen: klär doch mal wie die politische Stimmung ist - wir wollen den Flughafen doch demnächst so richtig ausbauen. Mach ich - bis Samstag........

Im März wurde der Haushalt endgültig verabschiedet, die Wogen schienen geglättet und Gütersloh war noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Dachte man! April, April, der macht was er will! Doch es waren weder Wetterkapriolen noch ein schlechter Aprilscherz, die dann - angeblich vollkommen überraschend - über die Stadt hereinbrachen. Es waren die Finanzmanager des Bertelsmann-Konzern, die ihre Umsatzsteuervorauszahlungen schriftlich und ganz offiziell zurückforderten. Das ist ihr gutes Recht und jeder der Steuern zahlt, fordert das zurück, was ihm zusteht. Warum sich jetzt so viele darüber aufregen, ist unverständlich. Jeder Arbeitnehmer würde es genauso machen. Allerdings nur mit anderen Summen.

Der Konzern hat viel für diese Stadt getan - die Stadt jedoch auch für den Konzern. Geben und Nehmen in beiderseitigem Interesse. Jetzt haben sich die Zeiten geändert. Bertelsmanns Leistungen für die Stadt waren stets von freiwilliger Art (oder doch nicht?). Immerhin ist das Unternehmen der grösste Arbeitgeber am Ort und hat somit ein Anrecht, gehegt und gepflegt zu werden.

Brechen wir also nicht den Stab über die Manager und verurteilen auch nicht die Stadt wegen.....ja, weswegen eigentlich??

Zu den bevorstehenen Sparmassnahmen enthalte ich mich zur Zeit weiterer Kommentare. In der kommenden Woche trifft sich der Finanzausschuss zu einer Sondersitzung, dann wissen wir mehr. Bis dahin heisst es Zähne zusammen beissen (im Rathaus läuft noch die Ausstellung) und abwarten. Jetzt muss nach vorne geblickt und überlegt werden, ob die Stadt sich noch einen 30 Millionen € teuren Theaterneubau sowie einen fast genauso teuren Krankenhausneubau leisten kann. Die Zeit wird jedoch knapp und letztendlich muss die Zeche sowieso von den Bürgerinnen und Bürgern gezahlt werden, egal wie hoch sie ausfällt. Auf die Sparvorschläge von Verwaltung und Politik dürfen wir schon jetzt gespannt sein.

Roland von Zahl

27. April 2002